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Maximilian Hauptmann

Maximilian Hauptmann

Sharing is CARing

Die gängige Annahme: Wer am Land aufwächst, braucht ein eigenes Auto, um zu überleben. Ohne eigenes Auto kommt man Samstagabend nicht in die Disco im nächsten Ort, um mit seinen Freunden zu feiern. Ohne eigenes Auto erreicht man Sonntagmittag nicht das Familienessen bei Oma zwei Dörfer weiter. Und wie soll man ohne eigenem Auto überhaupt eine anständige Arbeit finden, die womöglich eine Stunde Fahrzeit entfernt ist? Ein Plädoyer gegen diese weitverbreitete Annahme: 


Allen ein eigenes Auto

Dieser Gedanke ist tief im kollektiven Bewusstsein der österreichischen Bevölkerung verankert. Eine Auswertung der Statistik Austria ergibt, dass 2020 etwas mehr als 5 Millionen PKW zugelassen sind (Statistik Austria 2020). Bei 8,8 Millionen EinwohnerInnen bedeutet das, dass etwa 57 Prozent der Bevölkerung ein Auto besitzen. Doch man darf das Stadt-Land-Gefälle nicht außer Acht lassen: Stand 2019 waren in Wien mit einer Bevölkerung von 1,897 bloß etwas mehr als 700.000 PKW zugelassen. Pro EinwohnerIn zählt man im größten Ballungsraum Österreichs also 0,37 PKW, im Vergleich zu 0,75 PKW im Rest von Österreich. Während sich in Wien das Statussymbol von einst in den letzten Jahren zunehmender Kritik erwehren muss, gilt im Rest Österreichs das eigene Auto nach wie vor als integraler Bestandteil eines gewöhnlichen Mittelklasse-Lebensstils.  

Das Hauptargument der Städter gegen ein eigenes Auto ist natürlich ein moralisches: Wo früher viele Menschen vielleicht noch ein Gefühl der Überlegenheit und Erhabenheit verspürt haben, wenn sie in ein neues Auto stiegen, ist es heute, im Zeitalter des Klimawandels und der globalen Erderwärmung, zunehmend Scham. Der noch vor einigen Jahren so geliebte BMW verpestet heute die Luft. Was die BewohnerInnen eines abgelegenen Dorfes im nördlichen Waldviertel dem wohl entgegnen würden?


Flexibel und komfortabel: Der innere Schweinehund greift stets zum Autoschlüssel.

Fakt ist: Es gibt wohl kein praktischeres und flexibleres Fortbewegungsmittel als das eigene Auto. Mit dem Zug in die Arbeit zu fahren führt vielleicht zu einem guten Gefühl, doch das ist spätestens verflogen, wenn man eine Stunde zu früh ankommt, weil der Zug eben nur alle zwei Stunden fährt. Verspätungen und verpasste Anschlusszüge können ganze Arbeitstage zunichte machen. 

Abgesehen von Verkehrsstörungen und technischen Gebrechen ist das Auto wohl das störungsärmste Fortbewegungsmittel mit der größten Unabhängigkeit. Man muss es sich mit niemandem teilen, muss nicht um freie Sitzplätze bangen und kann mit einer lärmfreien Fahrt rechnen. Das Auto ist bequem. Und im 21. Jahrhundert ist Bequemlichkeit das beste Verkaufsargument, das es gibt. Wie also kann man all die genannten individuellen Vorteile wie Komfort und Flexibilität mit den kollektiven Vorteilen von sauberer Luft, weniger Straßenlärm, weniger Bodenversiegelung und, nicht zuletzt, Klimaschutz zusammenbringen? 


Eine von vielen Lösungen: Mitfahrbörsen

Mitfahrbörsen stellen hierfür eine wichtige und vielfach erprobte Lösung dar. Im Internet findet man mit Stichworten wie Mitfahrbörsen, Fahrgemeinschaften, Mitfahrgelegenheiten, Carpooling oder Ridesharing zahlreiche innovative Anbieter und Plattformen. Auch am Land bieten FahrerInnen Mitfahrgelegenheiten an, z.B. auf der Mitfahrplattform BlaBlaCar. Die tatsächliche Nutzung solcher Dienste ist am Land jedoch gering. Die meisten geteilten Fahrten finden auf Autobahnen von einer Stadt zur nächsten statt. Was hält die Menschen davon ab, auch im ländlichen Raum Fahrten zu teilen? Die FahrerInnen können immerhin Spritpreise teilen, während MitfahrerInnen günstiger als mit den Öffis unterwegs sind und erst gar nicht die teure Anschaffung (und den Erhalt) eines Autos finanzieren müssen. Warum also fährt die überwiegende Mehrheit lieber alleine mit dem eigenen Auto? 


Warum nicht einfach teilen? – Barrieren für Mitfahrbörsen

Dafür gibt es mehrere Gründe, wie zum Beispiel Kommunikation, Flexibilität und Vertrauen. 

Kommunikationsprobleme finden vor allem auf einer technischen Ebene statt. Wer fährt bei mir mit, wo muss ich die Personen abholen? Die Zeitfrage spielt eine große Rolle. Der Vorteil von Autos gegenüber allen anderen Fortbewegungsmitteln ist, wie bereits erwähnt, die Flexibilität. Diese geht verloren, wenn alle Mitfahrer andere Arbeitszeiten haben. Doch auch hier können nutzerfreundliche Apps Abhilfe schaffen. Mithilfe von Arbeitsplänen, GPS-Koordinaten und Chat-Funktionen können wenige Klicks ausreichen, um festzustellen, wer zu ähnlichen Zeiten wie ich selbst arbeitet, auf meiner Strecke liegt und entweder ein Auto benötigt oder eines zur Verfügung stellt. In Firmen mit zehn MitarbeiterInnen mag eine solche Kommunikation noch persönlich möglich sein, aber in größeren Unternehmen hängt viel von der Übersichtlichkeit und Userfreundlichkeit von Apps ab. 

Neben der Flexibilität spielt die vielleicht größte Rolle das Vertrauen. (Chan & Shaheen 2012) Immerhin bedeutet Carpooling, mir mein Auto mit fremden Menschen zu teilen. Für manche Menschen mag die Aussicht, mit Fremden auf engstem Raum aneinander zu kleben, eine Horrorvorstellung sein. 

Wenn es um betriebliches Carpooling geht – das Teilen der täglichen Fahrt zum Arbeitsplatz und retour – können Arbeitgeber die Vertrauensfrage lösen. Wenn das Unternehmen die Einführung eines Carpooling-Systems ordentlich vorbereitet und die richtigen Begleitmaßnahmen setzt, kann Carpooling ein überaus soziales Erlebnis sein, bei dem informelle Bekanntschaften quer durch die Belegschaft entstehen. Was bietet eine bessere Gelegenheit, miteinander ins Gespräch zu kommen, als eine gemeinsame Autofahrt? Besonders in großen Firmen und für neue MitarbeiterInnen kann das eine gute Möglichkeit sein, KollegInnen kennenzulernen und eine soziale Atmosphäre zu schaffen, die sich produktiv auf die Arbeit auswirkt. Hier liegt viel an der Kommunikation und Darstellung des Carpooling-Konzepts. Mit der Möglichkeit, bereits vor der gemeinsamen Fahrt zu chatten oder womöglich sogar neben Zeit- und Ortspräferenzen persönliche Interessen teilen zu können, etabliert man Vertrauen und schafft ein Gefühl von Sicherheit.


Schulterschluss von MitarbeiterInnen und Firma

Es gibt also Lösungen für die Barrieren von Mitfahrbörsen bzw. Carpooling-Konzepten. Dabei ist es wichtig, auf die Bedürfnisse der NutzerInnen einzugehen. Ein schnelles, verlässliches Matching nach Arbeitszeit und Fahrweg sowie die Einbindung der Arbeitgebers sind dabei von großer Wichtigkeit. Geht man mit den genannten Barrieren richtig um, bieten sie – wie das oft mit Problemen ist – große Chancen. Dann ist Carpooling tatsächlich kostengünstiger, gibt den NutzerInnen das Gewissen, etwas für die Umwelt beizutragen und ermöglicht gleichzeitig, die KollegInnen besser kennenzulernen. Damit ist die Implementierung von Carpooling auch für jede Firma eine Alternative, um die Atmosphäre zwischen MitarbeiterInnen bereits zu verbessern, bevor der Werktag überhaupt begonnen hat. Damit wird Carpooling auch dem oft gehörten Spruch gerecht, der für eine umweltbewusstere und fairere Gesellschaft des Teilens statt des Besitzes eintritt: Sharing is Caring. 




 Cover Image by Marie Sjödin from Pixabay


Quellenverzeichnis:

Parezanović, T., Petrović, M., Bojković, N., Pejčić Tarle, S. (2015): Carpooling as a measure for achieving sustainable urban mobility: European good practice examples. 


Chan, N.D., Shaheen, S. (2012): Ridesharing in North America: Past, Present, and Future. Transport Reviews: A Transnational Trandisciplinary Journal, 32:1, p. 93-112

DOI: 10.1080/01441647.2011.621557


 Statistik Austria (2020): Fahrzeug-Bestand am 31. Juli 2020. https://www.statistik.at/web_de/statistiken/energie_umwelt_innovation_mobilitaet/verkehr/strasse/kraftfahrzeuge_-_bestand/index.html, zuletzt abgerufen am 14.09.2020 

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